20.01.2016 | 0 Kommentare

«Coworking Spaces sind wie Bed and Breakfasts»

Dienstagmorgen 9 Uhr, drei Gehminuten entfernt vom Bahnhof Wil. Hier betreibt Jenny Schäpper-Uster das «Büro Lokal». Damit hat sie Coworking von den grossen Städten aufs Land gebracht. «Auch wenn man das in Wil nicht gerne hört», meint sie schmunzelnd. Trotz der Lage hat sie sich dazu entschieden, hier einen Coworking Space aufzubauen. Wir trafen die Coworking Space-Inhaberin und Mitgründerin des Vereins Coworking Switzerland zum Gespräch.

Was sind Coworking Spaces eigentlich?

«Grundsätzlich ist damit die Vermietung von Arbeitsplätzen gemeint, wobei die Räumlichkeit häufig einem gemütlich eingerichteten Grossraumbüro gleicht. Man kann tages- oder monatsweise einen Arbeitsplatz inklusive aller nötiger Infrastruktur mieten - Kaffee ist auch dabei. Mitbringen muss man nur seinen Laptop.»

Wie kam es zur neuen Arbeitsform des Coworking?

«Ursprünglich stammt die Idee aus Amerika, genauer San Francisco. 2005 suchten Programmierer in Cafés und anderen öffentlichen Räumlichkeiten einen Arbeitsplatz, um die eigenen vier Wände verlassen zu können und unter Leuten zu sein. Angekurbelt wurde die Verbreitung von technologischen Entwicklungen und dem Loslösen von fixen Büroarbeitsplätzen. Dabei glichen die ersten Coworking Spaces sicher einem Brockenhaus. Aufgrund der zunehmenden Etablierung lösen sie sich aber immer mehr von ihrem anfänglichen Hippie- oder Hipster-Image.»

Was ist mit Alternativen wie der Arbeit im Büro oder im Home-Office?

«Neben der Arbeit im Büro oder zu Hause ist auch noch eine dritte Alternative nötig: Eben Coworking Spaces. Denn gerade unter dem Mobilitätsaspekt ist eine Ausweitung der bisherigen Arbeitsangebotsformen unumgänglich. Die ständige Anwesenheit im Büro ist obsolet und im Home-Office fehlt das Netzwerk, der Austausch und Kontakt zu Mitarbeitenden und anderen Aussenstehenden.

Gerade Pendler können ihren Arbeitsweg verkürzen: Hier bietet Coworking einen Ausweg. Denn die gewonnene Zeit und die gesteigerte Lebensqualität machen die verhältnismässig geringen Mietkosten schnell wett. So finanzieren auch immer mehr Firmen flexible Arbeitsplätze in Coworking Spaces. Denn flexible Arbeitsplätze und produktivere Mitarbeiter sind auch lukrativ für Arbeitgeber.»

3 Gründe für das Wachstum von Coworking Spaces

3 Gründe für das Wachstum von Coworking Spaces

  1. Wachsendes Angebot: Immer mehr flexible Arbeitsorte (Coworking Spaces)
  2. Zunehmende Etablierung: Beispielsweise durch Lockerung der Richtlinien (Policies) grosser Firmen
  3. Mobilitätsaspekt: Geringere Pendlerströme heisst Zeit und Geld sparen, was für mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit durch kürzere Arbeitswege sorgt

Wie reagiert der Verein Coworking Switzerland darauf?

«Im Frühling 2015 gründete ich zusammen mit anderen Coworking Spaces den Verein Coworking Switzerland, damit wir all die verschiedenen Schweizer Coworking Spaces zusammenbringen und ihnen ein gemeinsames offizielles Gefäss geben können. Im Schnitt kommt alle zwei Wochen ein neuer Space hinzu, aber wir sprechen nicht von Konkurrenz zwischen den verschiedenen Coworking Spaces: Wir sind vielmehr eine Gemeinschaft, die ein gemeinsames Interesse verfolgt und sehen uns mehr als eine grosse Familie. So versuchen wir Synergien zwischen den Spaces auszunutzen.»

Coworking Switzerland

Coworking Switzerland

Die Interessengemeinschaft Coworking Switzerland gibt allen Schweizer Coworking Spaces ein gemeinsames offizielles Gefäss. Sie hat zum Ziel, die Bekanntheit der Schweizer Spaces zu steigern und als Informationsressource aller Interessenten zu dienen. Darüber hinaus vereinfacht sie die Zusammenarbeit unter den Coworking Spaces, auch über die Sprach- und Landesgrenzen hinaus. Bis heute sind dem Verband 45 Coworking Spaces angeschlossen (Stand Januar 2016).

«Anbieter, die versuchen sich abzugrenzen und abzuschirmen, haben das Prinzip hinter Coworking einfach nicht verstanden. Denn nicht die Finanzen stehen im Vordergrund, sondern Werte wie geteiltes Know-how, Leidenschaft und Idealismus. Community ist das, was Coworking im Kern ausmacht, und uns von Büro-WG unterscheidet.»

Können Sie das an einem Beispiel zeigen?

«Ich vergleiche Coworking Spaces gerne mit Bed and Breakfast-Angeboten: Wie beim Bed and Breakfast wird in Coworking Spaces der Kontakt aktiv gesucht. Networking ist hier viel einfacher als beispielsweise in öffentlichen Räumen wie Cafés und dergleichen. Analog zu Bed and Breakfast wären diese die Hotels: Man verhält sich viel passiver und zurückhaltender. Der Lärmpegel oder die Ablenkung von aussen lassen sich nur schwer steuern bzw. beeinflussen.»

Warum breiten sich Coworking Spaces in der Schweiz nicht schneller aus?

«Die in der Vergangenheit eher zurückhaltende Ausbreitung in der Schweiz erkläre ich mir so: Schweizer denken meist rational. Nicht der Aspekt des sozialen Kontakts oder das Netzwerk stehen im Zentrum, sondern der Arbeitsweg. Wir sind überzeugt, wenn es auch aus wirtschaftlicher Sicht Sinn macht: Kann ich Zeit und Geld sparen? Warum fahre ich jeden Tag so weit zur Arbeit? Warum tue ich mir das an? Das Rationale wird die Stossrichtung sein. Aber eine solche Umstellung braucht sicher noch Zeit, wird aber je länger desto mehr kommen. Sie setzt vor allem in letzter Zeit ein und verbreitet sich nun immer rasanter.»

Wie sieht es aus finanzieller Sicht aus?

«Das Betreiben eines Coworking Spaces ist mit einem absehbaren Risiko verbunden. Denn der grösste Kostenpunkt stellt die Miete der Räumlichkeiten dar. Dazu kommen die Kosten der Einrichtung.»

Wie sehen Sie die Zukunft von Coworking Spaces?

«Neben einer generellen Ausbreitung wünsche ich mir für die Zukunft auch einen Coworking Space mit Kindertagesstätte. Die hohe Auflagen auf der Betreuungsseite erschweren allerdings dieses Vorhaben. Eine andere Möglichkeit wäre, neben Arbeitsplätzen im Grossraumbüro neu auch anliegende Einzelbüros zu vermieten. Gerade für Leute, die in gewissen Arbeitssituationen Ruhe und Abgeschiedenheit suchen, wären solche Einer- oder Zweierbüros geeignet. Denn im Vergleich zum Home-Office besteht so immer noch die Verknüpfung mit sozialen Kontakten und dem persönlichen Netzwerk.»

Und die Zukunft vom traditionellen Coworking?

«Von traditionellem Coworking kann nur schwer gesprochen werden. Denn Coworking existiert ja höchstens seit zehn Jahren. Aber gerade aufgrund der jüngsten Entwicklungen blicke ich optimistisch in die Zukunft.»

Zur Person: Jenny Schäpper-Uster

Zur Person: Jenny Schäpper-Uster

Jenny Schäpper-Uster, 43 Jahre, gründete 2014 ihren eigenen Coworking Space in Wil, das «Büro Lokal». Daneben ist die Inhaberin und Mutter zweier Kinder auch Mitgründerin des Vereins Coworking Switzerland.

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