25.01.2016 | 0 Kommentare

Coworking im Selbstversuch

Von Felix Giezendanner, Praktikant Marketing/Kommunikation

Ruhig und beschaulich. So lässt sich Wil an diesem frühen Dienstagmorgen beschreiben. Anders als in den grossen Städten in der Umgebung läuft hier alles noch entspannter ab, so mein Eindruck. Ich bin auf dem Weg zum «Büro Lokal», dem ersten Coworking Space in Wil. Coworking Spaces tragen verschiedene Bezeichnungen: Teilzeit-Büro, Grossraumbüro, das aussieht wie eine Edelbrocki oder gar Büroform der Zukunft. Was hier in Wil zutrifft, will ich selbst sehen.

Was sind Coworking Spaces?

Was sind Coworking Spaces?

In Coworking Spaces werden Arbeitsplätze flexibel vermietet, wobei die Räumlichkeit häufig einem gemütlich eingerichteten Grossraumbüro gleicht. Dabei kann tages- oder monatsweise ein Arbeitsplatz inklusive aller nötiger Infrastruktur gemietet werden - Kaffee ist auch dabei. Einzig der Laptop muss selbst mitgebracht werden.

Bereits nach drei Gehminuten vom Bahnhof stehe ich davor. Punkt 9 Uhr öffnet mir Jenny Schäpper-Uster, die Inhaberin vom «Büro Lokal», die Tür. Ich trete in einen grossen lichtdurchfluteten Raum. Die hohe Decke und die weissen Wände sorgen zusammen mit den locker im Raum verteilten, bunt eingerichteten Arbeitsplätzen für ein stimmiges Gesamtkonzept. Damit gleicht es einem gemütlichen Grossraumbüro, hat aber nichts von einem Brockenhaus.

Im Raum sitzen noch zwei andere Personen. Es herrscht eine ruhige Stimmung. Zu Beginn führt mich Jenny Schäpper-Uster durch das grosszügige Büro und zeigt mir die verschiedenen mietbaren Arbeitsplätze und buchbaren Sitzungszimmer. Wie allen Neuankömmlingen bietet mir die offene und gesprächsfreudige Wilerin einen Kaffee an und erklärt mir im Gespräch am grossen Holztisch alle Einzelheiten. Unter anderem, dass zum Arbeitsplatz abgesehen vom obligatorischen Kaffee auch Internetanschluss und Drucker gehören.

Ruhige Arbeitsatmosphäre plus Community

Heute Morgen scheint wenig los zu sein und so setze ich mich an einen der vielen freien Arbeitsplätze im lichtdurchfluteten Raum. Ich beginne das zu machen, weshalb ich eigentlich hier bin: zu arbeiten, wie alle anderen Anwesenden hier. Die Tastaturen ihrer Laptops geben die einzigen Geräusche ab. Aber aufgrund meiner Platzwahl nahe der Küchenecke wird die Stille in regelmässigen Abständen durch das Aufheulen der Kaffeemaschine unterbrochen.

Im Verlauf des Morgens kommen weitere Coworker an und verteilen sich ruhig an den übrigen Plätzen. Jenny Schäpper-Uster und ein eben Angekommener setzen sich an den grossen Tisch im Essbereich und besprechen Angelegenheiten auf Englisch. Das Internationale ist auch Coworking Spaces inne: Ursprünglich aus den grossen amerikanischen Städten, verbreiten sie sich weltweit - nun auch in der Schweiz. Sie reden ruhig miteinander, bis: «Dimitri? You know Dimitri?» Der junge Coworker am Tisch gegenüber von mir klinkt sich ins Gespräch der beiden ein. «Yes, sure. He’s a good friend of mine.» Sie kommen ins Gespräch, stellen sich vor. Von diesen Begegnungen leben Coworking Spaces. Im Vergleich zum Home-Office alleine zu Hause stellt die Community und der soziale Kontakt eine zentrale Komponente bei Coworking Spaces dar, bestätigt mir Jenny Schäpper-Uster im Gespräch vom Morgen. Es wird gelacht, man hat Spass und knüpft Kontakte. Gepaart mit der konzentrierten Arbeit entsteht eine produktive Atmosphäre, so mein Eindruck.

«Home-Office-Überdrüssige» und Startups

Jener neben mir am Work-Bench scheint häufig hier zu sein. Er hat sich seinen Arbeitsplatz umfangreich eingerichtet: Fest installierter Computer, Hausschlüssel, Kaffeetassen und verschiedene Unterlagen sind auf der weissen Tischfläche ausgebreitet. Im Moment sitzt er nicht an seinem Arbeitsplatz; vielleicht führt er gerade ein Telefonat im Sitzungszimmer nebenan. Als er wieder an seinem Platz eintrifft und sich setzt, kommen wir ins Gespräch. Er stellt sich direkt als Bruno vor; denn zu Coworking Spaces gehört neben Kaffee das per Du. Auch das scheint Coworking auszumachen. Er erzählt mir, er sei seit der ersten Stunde des «Büro Lokals» in Wil und kommt nun schon seit bald zwei Jahren regelmässig hierher.

Bei einer globalen Firma angestellt, arbeitete Bruno früher immer im Home-Office. Als Familienvater dreier Kinder finde er zu Hause aber keine Ruhe, so gesteht er mir. Deshalb komme er drei bis vier Tage die Woche ins «Büro Lokal», um hier konzentriert und ohne Unterbrechung arbeiten zu können. «Weniger Startups und Jungunternehmer sondern vielmehr Home-Office-Überdrüssige kommen hierher,» verrät er mir schmunzelnd. Sie kämen hauptsächlich, um ein ruhiges Arbeitsumfeld anzutreffen und weniger, um den Kontakt mit anderen zu suchen. Dies sei aber ein positiver Nebenaspekt. Er übernehme die Mietkosten für seinen Platz selbst, seine Firma zahle ihm nichts.

«Die Kosten trage ich aber gerne. Denn die Vorteile, die ich aus meinem Arbeitsplatz hier im Coworking Space ziehe, überwiegen stark.»

Bruno, Coworker im «Büro Lokal»

Er ergänzt, dass es auch beinahe keine Alternativen gäbe. Denn das Mieten von festen Büroflächen sei mit hohen Kosten verbunden, die jene des Coworking Spaces stark übersteigen. «Hinzu kommen die Verpflichtungen, die ein eigenes Büro oder eine Büro-Gemeinschaft mit sich ziehen. Hier finde ich einen Arbeitsplatz inklusive aller nötiger Infrastruktur schon vor. Und ums Putzen muss ich mich auch nicht kümmern.»

Trotz kurzem und normalem Wortwechsel hallt unser Gespräch laut im grossen Raum umher. «Wenn immer mehr Leute kommen, wird es hier langsam schwierig mit der Akustik,» so Bruno. Ich teile seine Ansicht, gerade als ein Coworker einen Tisch entfernt ein Telefonat beginnt. Doch für eine ruhige Arbeitsatmosphäre wird gesorgt, der ruhestörende Telefonierer verlässt fürs Gespräch das Büro.

Trennung zwischen Privat- und Geschäftsleben dank Coworking Space

Hinter der orangen Trennwand gegenüber von meinem Arbeitsplatz sitzt Patrick. Beim Mittagessen am grossen Tisch stellen wir uns vor und er erzählt mir, dass er erst seit Kurzem hierhin kommt. Zusammen mit seiner Partnerin ist er auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Ähnlich wie Bruno arbeitete er zuvor meist zu Hause im Home-Office, allerdings fiel die strikte Trennung zwischen Privat- und Arbeitsleben schwer. «Wir suchten nach einer Alternative und sind so auf das Prinzip der mietbaren Arbeitsplätze in Coworking Spaces gestossen und haben im ‹Büro Lokal› eine geeignete Lösung gefunden.»

«Hier im Coworking Space haben wir ein grosses, offenes Büro gepaart mit einer kompletten Infrastruktur, um konzentriert am Geschäftsaufbau arbeiten zu können.»

Patrick, Coworker im «Büro Lokal»

«Ausserdem kann ich hier im Austausch mit anderen auf neue Ideen kommen und erhalte Inputs, auf die ich zu Hause nicht gekommen wäre. Denn hier kommen Leute aus verschieden Berufen mit verschiedensten Hintergründen zusammen.»

Nach einem kurzen Mittagessen setze ich mich wieder an meinen Arbeitsplatz nebenan und beende meine Arbeit. Beim Gehen verabschiede ich mich von Jenny, Patrick, Bruno und den anderen. Hier im Coworking Space werden wirklich schnell Kontakte geknüpft. Die meisten hier scheinen genau das zu schätzen, was Coworking ausmacht: Breite Community plus eigener Arbeitsplatz. 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Testen Sie bexio 30 Tage kostenlos und unverbindlich